Aschermittwochsnachlese
Aichach (alt) Nomen est omen: Bei der traditionellen „Aschermittwochsnachlese“ des SPD-Ortsvereins Aichach am Freitagabend im gut gefüllten Nebenzimmer des Gasthofs Specht präsentierte sich der eingeladene Referent, der Augsburger SPD-Landtagsabgeordnete Dr. Linus Förster, im Stile der Redner der politischen Aschermittwochsveranstaltungen diverser Parteien in Niederbayern. Zu Beginn der vorösterlichen Fastenzeit bot der Landespolitiker den Aichacher Genossinnen und Genossen dabei alles andere als Magerkost. In einem verbalen Parforce-Ritt streifte Förster in seiner fast einstündigen Rede allerlei pikante Themen aus Bundes- und Landespolitik und sparte dabei nicht mit „satter“ Kritik an Schwarz-Gelb.
„Westerwelle ließ sich in Straubing mit dem Defiliermarsch wie ein altbayerischer Patrizier feiern“ kommentierte der jugendpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion den Auftritt des FDP-Vorsitzenden, der in seinen verbalen Entgleisungen der jüngsten Zeit wohl Markus Söder nachzueifern trachte. Dagegen titelte die journalistische Speerspitze der „CSU-Versteher, Seehofer-Flüsterer und FDP-Erklärer“: „Seehofers Rede war milde.“ So könne man auch umschreiben, dass sie überzeugungsarm, blass und langweilig gewesen sei, erklärte Förster dem Aichacher SPD-Chef Walter Jöckel und den anwesenden Mitgliedern seine Einschätzung. Doch auch mit Selbstkritik sparte er nicht. „Die bayerische SPD hat verstanden. Wir haben 2009 ein Drittel, 2008 die Hälfte unserer Wähler verloren.“ Das sei die Quittung gewesen für eine Sozialdemokratie, „die mit Rot-Grün und in der Großen Koalition zwar viel für den Mittelstand, aber wohl zu wenig für den Arbeitnehmer“ getan habe. Dennoch übertreffe die derzeitige Bundesregierung die letzten beiden mit SPD-Beteiligung an Unvermögen noch um Längen. „So einen schlechten Start hat noch nie eine Bundesregierung hingelegt. Sie hat bislang keinerlei Verantwortung übernommen. Am Rosenmontag war sie 111 Tage im Amt. Ich habe deswegen diese Schnapszahl gewählt, weil diese Regierung nüchtern nicht zu ertragen ist“, bemerkte der Landtagsabgeordnete süffisant dazu.
Schwarz-Gelb auch in Bayern – das war für Förster das Stichwort, auf den „Länderfinanzausgleich“ des Freistaates mit Kärnten einzugehen, wie er die Hypo-Alpe-Adria-Pleite umschrieb. „Wie viele Lehrer könnten mit den 3,75 Milliarden Euro eingestellt werden, wie viele Kilometer Staatsstraßen – inklusive der Kärntner – damit saniert werden, und allen bayerischen Studentinnen und Studenten könnten 14 Jahre lang die Studiengebühren erlassen werden – wenn sie denn so lange studieren würden, was die Bachelor- und Masterstudiengänge derzeit aber unmöglich machen.“ Die Arbeit des zu diesem Finanzskandal eingesetzten Untersuchungsausschusses werde konterkariert, weil einige Vorgeladene von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machten, da gegen sie Anzeigen liefen. Da halte man es im blau-weißen Freistaat auch bei Steuerhinterziehern mit bayerischer Gemütlichkeit nach dem Motto „Leben und leben lassen“. „Steuerhinterziehung wird als Kavaliersdelikt betrachtet, während dieselbe CSU für jugendliche Straftäter weitaus höhere Strafen fordert“ echauffierte sich der SPD-Jugendpolitiker. Wobei CSU-Finanzminister Fahrenschon die Steuerhinterzieher-CD wohl für eine CSU-Spenden-Liste gehalten habe. „Straffreiheit für Steuerhinterzieher – das hat ‚a Gschmäckle‘. Der Ankauf der Daten wird so lange rausgezögert, bis die Schuldigen sich selbst anzeigen.“
Linus Förster streifte noch weitere Themen wie den äußerst „fragwürdigen“ bayerischen Nachtragshaushalt, den „nicht zu verantwortenden“ Ausstieg vom Atomausstieg oder die „unsägliche“ bayerische Bildungspolitik, ehe OV-Chef Walter Jöckel zum ebenso traditionellen Matjesessen überleiten konnte und sich beim Referenten mit einer Flasche Rotwein sowie einem Büchlein über Bertolt Brecht und die Musik bedankte.
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Anlässlich des 90-jährigen Bestehens des SPD-Ortsvereins Aichach waren die Kabarettisten

Henning Venske & Jochen Busse
mit ihrem Programm: „Inventur“
zu Gast in der TSV-Halle
Aichach (alt) Statt eines Festabends mit feierlichen und salbungsvollen Reden beging der SPD-Ortsverein Aichach am Samstagabend sein 90-jähriges Jubiläum mit einer politischen Kabarettveranstaltung in der TSV-Halle. Die Genossinnen und Genossen um OV-Vorsitzenden Walter Jöckel luden sich und den zahlreich erschienenen Gästen dazu Henning Venske und Jochen Busse, begleitet von Frank Grischek am Akkordeon, mit ihrem brandneuen Programm „Inventur“ ein. „Auch angesichts der letzten Wahlergebnisse die bessere Entscheidung“, bekannte Jöckel unter beifälligem Applaus der Besucher, und die „alterswilden“ Urgesteine Venske und Busse blieben in den zwei Stunden pointiert gespielter Politsatire zu keinem Zeitpunkt den Beweis schuldig.
Nach Jahren selbst auferlegter Abstinenz wagten sich die „Kulturschaffenden“ des Aichacher SPD-Sprengels, die einst absolute Topadressen wie die „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“, Werner Schneyder, Lisa Fitz oder Konstantin Wecker in die Paarstadt holten, wieder an die hehre Aufgabe, dem klassischen politischen Kabarett Raum und Heimstatt zu geben. Ein angesichts des schier unaufhaltsamen Siegeszuges klamaukierender Comedians und Pointen-Rowdys mit Privatsender-Niveau live und auf der Mattscheibe einerseits löbliches Unterfangen, das andererseits quantitativ – vom Zuspruch her – nicht ausreichend, aber qualitativ – vom Gebotenen her – um so mehr belohnt wurde. Henning Venske und Jochen Busse in Hochform trafen dabei mitten in die pechschwarze Seele bundesrepublikanischer Befindlichkeit. „Inventur“ gerät bei Jochen Busse und Henning Venske zur gnadenlosen Abrechnung mit einem Staatswesen und seinen Bürgern, die gleichermaßen ferngesteuert und bis ins Absurde verprogrammiert „am besten auf Werkseinstellung zurückgesetzt“ gehörten. So viele Spiegel kann man gar nicht herbeischaffen, wie ein genial sich scheinbar verhaspelnder und verplappernder Jochen Busse, bei dem man immer das Gefühl hat „Jetzt redet er sich gleich um Kopf und Kragen“, und ein brillant zynischer, ewig zorniger Linksintellektueller der alten Schule Henning Venske mit bitterbösen Pointen wie messerscharfe Stacheln sie virtuell und verbal dem Volk und seinen es Regierenden vors Gesicht halten. Ja, Henning Venske und Jochen Busse sind voll in Fahrt. Man musste höllisch aufpassen, dass man ob des Tempos der verbalen Attacken wider den Irrsinn nicht überfahren wurde von den beiden großen alten Männern des politischen Kabaretts bester Schule. Nach dieser Vorstellung wird klar, warum die Premiere vorige Woche vom Feuilleton umjubelt wurde und die Spielzeit in der „Münchner Lach und Schieß“ restlos ausverkauft ist. Letzteres hätten die Kabarettisten wie auch die Veranstalter in Aichach auch verdient gehabt.



